Research

  1. Bernhard Schlink, Heimat als Utopie
  2. Grenzen
  3. Unterscheidung
  4. Heimatassoziation
  5. Raumverstehen

 

Heimat als Utopie

I.

Exil – in der Fremde, in der man nach Gestzen leben muss, die man nicht selbst gemacht hat und über deren Auslegung und Anwendung man nicht selbst entscheidet.

Denn ursprünglich und eigentlich ist der Begriff des Exils der Gegenbegriff zum Begriff Heimat, die man verlassen musste.
Heimat ist Gegenort von Exil und andersherum.

Entscheidend ist die Korrespondenz zum Begriff der Heimat, in der man zu Hause war, in der man zu Hause wäre, wenn man könnte, und in die man wieder zurückkehrt, wenn sie einen wieder aufnimmt. […] Wo ist diese Heimat […]? Hinter welcher Grenze liegt die Heimat der Minderheit, die unter einer Mehrheit lebt […]?

II.

Exil ist das Leben in der Fremde, das nicht selbst-, sondern fremdbestimmte, das entfremdete Leben. 

Exil ist eine Metapher für die Erfahrung der Entfremdung.
örtliche und zeitliche Entfremdung.

Der Ortsbezug, […] ein regionaler, der die nationalen Grenzen bewusst vernachlässigt.

Was sind:
nationale Interessen
nationale Gefühle
nationale Identität

Hierarchie der Heimat(?):
Nation – Land – Gesellschaft – Region – Stadt – Viertel – Familie

III.

In den neunziger Jahren erlebten die USA eine lebhafte Debatte, in der Patriotismus und Nationalismus gegen Kosmopolitanismus und die Internationalisierung und Globalisierung der Welt verteidigt wurden.
Wer ist Martha C. Nussbaum? Wie lautet ihre Thes kosmopolitischer Zugehörigkeit und Verantwortung?

IV.

Man ist nicht mehr entfremdet, weil man das Schicksal aller Menschen oder aller Proletarier aller Länder teilt, sondern weil man da ist, wo man konkret ist – als Ossi in den von Wessis regierten Ländern, als Schwarzer im weißen Suburb, als Frau in einer männerdominierten Berufs- und als Alter in einer jugenddominierten Freizeitwelt. Es geht um den konkreten Ort.
konkreter Ort: Region, Viertel, Nachbarschaft etc.
Gleichförmigkeit und Gesichtslosigkeit der Lebenswelt führt zur Entfremdung. Heimat als Sehnsucht nach Individualität an konkreten Orten.

Mobilität und Flexibilität
Beides verlangt immer wieder Abschiednehmen, Unterwegs-Sein, Sich-Umstellen. Auch das ist eine konkrete Erfahrung von Entfremdung […] und weckt die Sehnsucht, sich jeweils am konkreten Ort heimisch zu machen.
So ist der konkrete Ort nicht nur als Nation, sondern auch als Region, Stadt und Kiez wieder ins Bewusstsein getreten.

V.

Statistik des “Spiegel”: Was ist Heimat?
heimatstatistik-spiegel
6% Freunde
11% Land
25% Familie
27% Geburtsort
31% Wohnort

Dass das Land nur für elf Prozent die Heimat ist, deutet darauf hin, […] dass das Land als Nation nach wie vor historisch hinreichend diskreditiert ist.

 

Entscheidend ist nach der Statistik weniger, wo der Ort ist, an dem man wohnt, Familie und Freunde hat, als vielmehr: dass man einen solchen Ort hat, einen Ort, an dem man einer Gemeinschaft zugehört, in ihr anerkannt und […] verbunden ist.
Was verbindet eine Nation?

Die Heimaterfahrungen werden gemacht, wenn das, was Heimat jeweils ist, fehlt oder für etwas steht, das fehlt.

Immer wieder ist Heimat ein Geruch, diese flüchtigste aller Sensationen.
Geruch wird oft stimulierend wahrgenommen oder löst Erinnerungen aus, da in unserem Gehirn die Reize des Geruchssinss ungefiltert (wahrscheinlich also nicht über das limbische System) verarbeitet werden. Heimat wird mit Erinnerungen und Vergangenem assoziiert.

Was bedeutet Vaterland? Wie sah das Land des Vaters vom Vater meines Vaters aus? Habe ich ein Anrecht, dort zu leben und es meine Heimat zu nennen? Wie sahen die damaligen Grenzen aus? Welcher Nation, Gruppierung, minderheit, regionalen Vereinigung gehörte er an?

VII.

So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder einen Ort noch ist einer. Heimat ist Nichtort, οὐ τόπος. Heimat ist Utopie.

Am intensivsten wird sie erlebt, wenn man weg ist und sie einem fehlt; das eigentliche Heimatgefühl ist Heimweh.

Korrespondierende Heimat zum Exil einer Minderheit:
Für die Angehörigen einer Minderheit ist es die Gesellschaft, in der sie leben, aber ohne dass die Mehrherit als Mehrheit und die Minderheit als minderheit kenntlich ist.
Heimat ist Utopie.

VIII.

Entsprechend seiner utopischen Qualität wird der Begriff der Heimat denaturiert, wenn Heimat vom Nichtort zum Ort gemacht wird.

Wenn Erinnerung und Sehnsucht nicht aushalten, blos Erinnerung und Sehnsucht zu sein, sonder Ideologie werden müssen. Wenn die Heimatideologie politische und rechtliche Gestalt annimmt.
AFD? Gibt es eine deutsche (aktuelle) Ideologie?

Die alten menschheitserlösenden Ideologien haben sich verbraucht, und die nächste Generation von Ideologien wird eher auf die nationale, ethnische oder religiöse Heimat bezogen sein als auf die Erlösung der Heimat. Die Rückkehr des Nationalen bedeutet auch die Rückkehr der ideologischen Nationalismen.

IX.

Steht im BGB oder sonst wo ein Recht auf Heimat?
Es scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein, und richtig verstanden ist es auch eine. Falsch verstanden ist es dagegen Ideologie und eine Triebkraft für die neuen nationalen und ethnischen Konflikte.

Staatenlose Flüchtlinge, Vertriebene, displaced persons, Insassen von Internierungs- und Konzentrationslagern sind dieses Rechts regelmäßig beraubt. Diese Rechtlosigkeit ist die eigentliche, die letzte, die zerstörerische Heimatlosigkeit.

Dass Heimat mit der Anerkennung und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft beginnt, wird sichtbar, wo die Anerkennung fehlt.
Kann man Rückschlüsse ziehen? Wo Gemeinschaft fehlt wachsen Ideologien, und andersherum?

Wünsche bei Konflikten um Heimat:
dem Wunsch, am Land festzuhalten, dem, die anderen vom Land auszuschließen, und dem nach Selbstbestimmung. Aber dei drei Wünsche können da, wo verschiedene Ethnien in ein und demselben Land leben, nicht zugleich erfüllt werden.
Vergleich(?): das war schon immer so (festhalten), das wird sich nie ändern (ausschließen), mir san mir (Selbstbestimmung).

das war schon immer so: Das Land hat unseren Väter gehört, deshalb erobern wir es zurück.
das wird sich nie ändern: Wir wollen unser Volk “sauber” halten, deshalb vertreiben wir diejenigen, die wir als unpassend erachten.
Aber statt die Beteiligten zusammenzuzwingen, mag es ein besserer Weg für die Lösung der Konflikte sein, ihnen zu helfen, sich anders als duch ein grausames ethnical cleansing auseinanderzudividieren.

Minderheiten/Unterprivilegierte die im Exil leben:
Alte, Ossis, Türken (Italiener, Polen, etc.), Elsässer (Badener, Sudetendeutsche, Schlesier, Franken, Preussen, etc.), Refugees, Frauen, …


 

Grenzen

Definition (Duden):

 

    1. (durch entsprechende Markierungen gekennzeichneter) Geländestreifen, der politische Gebilde (Länder, Staaten) voneinander trennt
    2. Trennungslinie zwischen Gebieten, die im Besitz verschiedener Eigentümer sind oder sich durch natürliche Eigenschaften voneinander abgrenzen
    3. nur gedachte Trennungslinie unterschiedlicher, gegensätzlicher Bereiche und Erscheinungen o. Ä.
  1. Begrenzung, Abschluss[linie], Schranke

 

Begrenzungen in meiner Umgebung:

Zimmertür > Haustür > Grundstück > Siedlung/Viertel > Dorf-/Stadtgebiet > Gemeinde/Stadt > Landkreis > Regierungsbezirk > Bundesland > Nation > Mitteleuropa > Europa > Landmasse

Vergleich mit Annalena aus München und Ali aus Damaskus:

tabelle gemeinsame grenzen

Überschneidungen (=Toleranzbereitschaft, Sympathie?) zwischen Menschen grafisch dargestellt, anhand von geografischen Begrenzungen.

grafik gemeinsame grenzen

 

Das Konzept Grenze

ist ein radikales, von Ausschluss und Zugehörigkeit. Es gibt Struktur und Ordnung, regelt Eigentumsverhältnisse und kategorisiert. Grenzen können vor oder hinter einem liegen, überwindbar oder unüberwindbar sein. Grenzen sind real vorhanden oder in unserem Denken. Grenzen sind bestimmt, nicht gewachsen.

Gibt es ein flexibleres Grenzkonzept? Für welche Grenze?


 

Unterscheidung

Eine Grenze unterscheidet.

Auf der Suche nach Gemeinsamkeit stößt man auf Unterschiede. Was unterscheidet mich von meinem Mandarinenbaum?

Grenzen können nur dann gezogen werden, wenn man die Unterschiede der zu begrenzenden Bereiche zueinander kennt. Je größer die Unterschiede, desto stärker die Grenze.

Kategorisierung führt zu Unterscheidung. Kann ich alles in meiner Umwelt kategorisieren?

Eine Grenze zeigt eine Unterscheidung auf. Eine individuelle Entwicklung, eine eigene Idee, ein selbstbestimmtes Leben unterscheidet sich von dem Anderer, und führt zwangsläufig zum Aufbau einer Grenze.
Jede individuelle/bewusste Entscheidung/Tat führt zu einer neun Grenze. Gleichzeitig ist die bewusste Entscheidung ein neuer Anfang, ein persönliches/individuelles Statement.

Reizvolle Themen: Kategorisierung, Unterscheidung, Kommunikation durch Schilder.

Mandarinenbaum. Mit meinen Extremitäten erreiche ich Nahrung. Meine artspezifischen Merkmale dienen zur Kommunikation mit Anderen. Je älter ich werde, desto mehr verändert sich meine äußere Hülle. Wenn ich mich verletze kommt Flüssigkeit aus der Wunde um sie zu desinfizieren und zu schließen. Ständig fällt mir totes Gewebe ab. Was bin ich?


 

Heimatassoziation

Heimat ist Sicherheit, Heimweh ist Unsicherheit.

Heimat kann man in gewohnten Gegenständen finden. Gewohntsein heißt Routine. Routine gibt Sicherheit. Eine persönliche Bindung (z.B. selbstgemacht) stärkt den Bezug zu einem Gegenstand.

Essensalltag

Thema Essen: Gewohntes Essen assoziiert Heimat.
Experiment: Sicherheit durch Einhaltung von Routinen, Gebrauch von gewohnten Gegenständen und sinnlicher Wahrnehmung erzeugen. Tägliche Mahlzeit an unterschiedlichen Orten.
Ziele: Alltag erzeugen, Umgebungsunabhängig. Gegenstände mit Heimatassoziation belegen

A) Gewohnte Gegenstände verwenden: Verwendung von ganz bestimmten Gegenständen für bestimmte Funktionen. (Trinken aus der immer selben Flasche, Essen mit dem selben Besteck, aus dem selben Teller, auf der selben Unterlage.)
B) Routine erzeugen: Gleiche Anordnung von Teller, Besteck, Flasche, Unterlage, Sitzposition.
C) Sinnlinche/sentimentale Heimatverbindung: Das gleiche Rezept jeden Tag.

Löffel (selbstgemacht), Schüssel (selbstgemacht), Messer,  FlascheUnterlage, Topfpflanze (selbstgezogen)
gegenstände heimatassoziation

 


 

Raumverstehen

Gedanke: In meinem Zuhause kenne ich “jeden Zentimeter” und weiß wo ich was finde, ich verstehe meine Umgebung.

Um an einem fremden Ort Zuhause zu sein, muss ich ihn ganz verstehen.
Dazu muss ich wissen,
A) was um mich herum ist,
B) was einen Bezug zu mir hat,
C) wo sich etwas befindet.

Experiment: Kartografieren und Vermessen meiner direkten (fremden) Umgebung.
Ziele: Die Umgebung verstehen, Vertrauen aufbauen.

 

Gewohnheiten:
Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten, Gewohnheiten die wir gerne haben würden, und Gewohnheiten die wir lieber nicht hätten. Laut dem 21-Tage-Prinzip muss man eine Sache 21 Tage lang wiederholen, um sie zur Gewohnheit zu machen, oder sie zumindest unbewusst zu tun.